Strohboid in Stübing - Bugholz

Written by Sunday, 03 December 2017
(0 votes)
Read 1636 times
Für unser Verständnis von ökologischem Bauen hätte es keinen besseren Standort geben können als das Freilichtmuseum Stübing, gibt es doch niemanden, der sich mit der Materie heute so gut auskennt wie unsere Vorfahren damals.Sie waren Meister im Einsatz lokaler Materialien, und sie bauten ihre Häuser nicht nur selbst, sondern optimierten über jahrhundertelange Beobachtung jedes ihrer Details.  Abseits aller Normen zeigen sie uns, was mit den Materialien Holz, Stroh und Lehm wirklich möglich ist.


Es ist etwas ganz Besonderes, ein Gebäude zu entwickeln und dann auch selbst zu bauen. Nur so versteht man, wie Planung und Praxis zusammen funktionieren. Denn jede planerische Unachtsamkeit muss beim Bau eigenhändig ausgebügelt werden. Es ist leicht, Details zu planen. Etwas anderes ist es aber, sie zu optimieren.

Während des praktischen Arbeitens mit Bugholz und Strohballen präzisierte sich unsere Vorstellung von korrektem Einsatz und Verarbeitung dieser Baustoffe. Nur durch praktisches Arbeiten lässt sich ein materialgerechter Umgang erlernen.




Um den engen Radius von 1,2 m für die Holzgitterschale krümmen zu können, wurde auf die Bugholztechnik zurückgegriffen. Sie beruht auf einem einfachen Prinzip: Holz besteht überwiegend aus zwei Komponenten, den stützenden Zellulosefasern und dem natürlichen Klebstoff Lignin. Erhitzt man das Holz in einer Dampfkammer mit Wasserdampf oder legt es direkt in kochendes Wasser, wird das Lignin weich.

Nun kann man das Holz über eine Schablone in Form biegen.

Bei besonders kleinen Radien muss ein Stahlband an der Außenseite die Zugkräfte aufnehmen, damit das Holz nicht reißen kann. Damit eine Rückverformung verhindert wird, müssen die gebogenen Formteile eingespannt abkühlen und trocknen.

Der Vorteil des Biegens besteht darin, dass gekrümmte Bauteile mit nahezu keinem Materialverschnitt erzeugt werden können. Dünne, gerade Querschnitte können in fast jede gewünschte Form gebogen werden, ohne an Festigkeit zu verlieren.*

Die Bugholztechnik ist dem Menschen schon seit Jahrtausenden bekannt und begleitet ihn seitdem bei der Herstellung von besonders beanspruchten Gegenständen wie Werkzeugen, Waffen und Fahrzeugen.

Vor 3600 Jahren revolutionierten die Ägypter mit Hilfe von dampfgebogenem Holz den schwerfälligen Streitwagen und wandelten ihn in ein gefedertes Leichtgewicht von 50 kg um.**

Die Schiffe, in denen Kolumbus Amerika entdeckte, nutzten Bugholz, und auch die meisten Autos waren bis in die 1920er Jahre daraus gefertigt.*** Selbst bei den Anfängen der Luftfahrt wurde Bugholz verwendet.

Besonders hervorzuheben sind die Arbeiten des Tischlers Michael Thonet, der um 1830 die Bugholztechnik industrialisierte. Um die Jahrhundertwende produzierte seine Manufaktur über 865.000 Bugholzstühle pro Jahr für die ganze Welt.
Share this post:
Last modified onMonday, 08 January 2018 18:08